„Viscri incepe“ Jahresrückblick 2014

 

Neues Leben in der „Alten Spinnerei“

Als wir vor fünf Jahren die Spinnerei aufgeben mußten, weil die eigene Produktion der Wolle für unsere Socken und Filzmanufaktur unrentabel geworden war (eine ausführliche Begründung im Jahresrückblick 2011) und wir das Gebäude zum Dorfgemeinschaftshaus umwandelten, war uns nicht bewusst, eine wie weitreichende Endscheidung wir getroffen hatten. Unsere Projekte und Unternehmungen sind seit dieser Zeit soviel komplexer geworden, daß sie ein ideelles „Zuhause“ brauchen, so etwas wie ein Zentrum, das allen gehört – den Frauen, den Jugendlichen, den Kindern. Natürlich brauchen wir auch real existierende  Räume, d.h. viel Platz. Das bietet uns heute die „alte Spinnerei“ oder, wie die Rumänen sagen die „torcatoria“.

  

Jugendprojekt:

Im Frühjahr 2014 wurde uns von der Baden–Württemberg-Stiftung  die Finanzierung eines zweijährigen Jungendprojektes  bewilligt. Das heißt, daß es jetzt für unsere 15 – 24 jährigen Jugendlichen richtig ernst wird. Neben aktiver Freizeitgestaltung in der Alten Spinnerei (Tischtennis, Billiard, Einüben traditioneller Tänze und Lieder, Organisation von Spielnachmittage für die Kleinen) sollen andere soziale Kompetenzen erlernt werden: Das Treffen demokratischer Entscheidungen, selbstständige Organisation von Unternehmungen, soziale Arbeiten im und für das Dorf usw.

Außerdem werden mehrtägige Fahrten zu rumänischen Ausflugszielen unternommen, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und den Jugendlichen ihr eigenes Land bekannter zu machen.

Tina, die das Projekt leitet, wird unterstützt von der Ausbilderin Dana aus Medias, die mit unseren Jugendlichen Seminare durchführen will mit Themen wie: Umgang mit Konflikten, Teamfähigkeit, Zivilcourage oder Arbeitsplatzsuche. Und schließlich sollen auch noch Deutsch- oder Englischkenntnisse und  EDV Grundlagen vermittelt werden.

Doch nicht nur die Jugendlichen bringen Leben  in das alte Haus. An jedem Nachmittag hilft die  Abiturientin Andrada den Schwächsten unter den  Grundschulkindern nicht nur bei den Hausaufgaben. In enger Zusammenarbeit mit den beiden Lehrerinnen der Schule in Viscri kümmert sie sich mit großem Erfolg um besondere Probleme und Schwächen der Kinder.

Eine zweite Schülergruppe wird von Alexandra betreut. Sie ist ausgebildete Krankenschwester. Am Vormittag arbeitet sie bei der Ärztin im Nachbardorf und am Nachmittag mit unseren Schulkindern. Wir vom Vorstand des Vereins  „Viscri incepe“ freuen uns sehr, daß die beiden Frauen diese Aufgabe übernommen haben. Die Hausaufgabenbetreuung war eine alte Idee - schon von Maria und Harald Riese ins Leben gerufen - die wir aber mangels geeigneter Betreuerinnen eine Zeitlang einstellen mußten.

 

Nach wie vor finden in der „torcatorie“ auch alle Aktivitäten um die Socken und Filzpantoffeln statt: die Annahme der Socken und Schuhe, die Aus-zahlung, die Lagerung, die Verpackung und Versendung, die Be-sprechungen, Seminare und Schulungen mit den Verantwortlichen für die einzelnen Arbeitsbereiche.

Auch in diesem Jahr hatten wir Bestellungen  aus Deutschland von ca. 2000 Paar Socken, Handschuhen, Pulswärmern und 800 Paaren Filzpantoffeln. Etwas über 700 Paar Filzhausschuhe hat Mariana hier im Dorf verkauft. Das ist insgesamt eine deutliche Zunahme an verkauften Hausschuhen, Filzhüten und Taschen.

Unser großer Dank geht an an unsere unermüdlichen Helferinnen Helle, Barbara, Eva Helgrid und neuerdings auch Renate aus Hamburg und Eva in Berlin!!!!!!!!!!

 

Seminare auch für unsere Frauen mit Leitungsfunktionen

Uns treibt schon seit Längerem die Frage um, wer kann die Arbeit weiterführen, wenn Tina oder Annette oder beide aus irgendeinem Grund ausfallen? Die Weiterführung der Projekte durch die Frauen aus dem Dorf war schon ein wichtiges und großes Anliegen von Maria und Harald, das aber bisher ungelöst ist. Es sind nicht in erster Linie die mangelnden Fremdsprachen- oder Excelkenntnisse. Viel wichtiger für die Übernahme der Leitung durch einheimische Frauen ist die Stärkung ihres Selbstbewußtseins, ihrer Durchsetzungsfähigkeit, oder ganz allgemein die Entwicklung von Leitungskompetenzen. In der dörflichen Enge ist die gegenseitige, also soziale Kontrolle, das übereinander (schlecht) Reden naturgemäß ein großes Problem. Man ist im allgemeinen stark abhängig von der „öffentlichen Meinung“. Die Trennung von persönlichen Anti- oder Sympathien von Aufgaben für die Gemeinschaft oder für den Verein ist schwierig. Ebensowenig sind die Frauen willens oder in der Lage, selbstständige Entscheidungen (man könnte ja mal etwas falsch machen) zu treffen oder für ihre Entscheidungen argumentativ einzustehen.  Fehler zuzugeben ist ebenfalls nahezu ausgeschlossen. Deshalb haben wir die Referentin Dana eingeladen, auch unsere Frauen in Seminaren zu schulen, um diese Probleme in den Griff zu bekommen.

Wir wollen uns sobald wie möglich um finanzielle Förderung hierfür kümmern.

 Mit einer Spende der Waldorfschule in Hannover konnten wir uns endlich eine neue Tür für das Dorfgemeinschaftshaus leisten. Die alte war nicht mehr zu schließen. Pünktlich zu Beginn der Heizperiode war es so weit. Unser Schreiner Ronny hatte zwar einige Probleme damit, die neue Tür in das alte Haus einzufügen, aber wie man sieht, ist es gelungen.

 

Aber es bleiben all die anderen Probleme. Nach Aussage des Zimmermanns Victor dürfen wir den Dachboden nicht mehr betreten, weil einige Balken durchgefault sind. Dort hatten wir die gewaschene Wolle gelagert. In dem zweiten Zimmer des Hauptgebäudes, wo wir die Socken annehmen, wird es nicht warm, weil die Isolierung zum Dach fehlt. An den Außenwänden bröckelt der Putz.  Die Nebengebäude, wo wir die Socken, Filzpantoffeln und Materialien lagern, sind in einem Zustand, daß man sie eigentlich nur abreißen kann. Sie haben kaum Stehhöhe und sind feucht. Es ist also eine Generalsanierung von Nöten. Helle sammelt schon eifrig Spenden für das neue Dach, dessen Sanierung wir im kommenden Frühjahr angehen wollen. Aber das kann nur der Anfang sein. Wir brauchen richtig viel Geld. Vielleicht weiß jemand unter Euch, wie man EU- oder andere Töpfe anzapft? Kennt Ihr jemanden, der solche Anträge schreiben kann? Hier brauchen wir dringend Hilfe!

 

Schüler

In diesem Jahr haben wir 15 Schülerinnen und Schüler in den Klassen 9 – 12. Sie fahren alle nach Rupea ins Lyzeum bzw. in die Berufsschulen. Die Monatskarte ist schon wieder teurer geworden, sie kostet jetzt 55 €. Deshalb sind wir froh, daß unser Partnerverein „Gemeinsam mit Viscri“ nach wie vor monatlich 540 € für den Schülertransport überweist, so daß wir auch weiterhin einen großen Teil dieser Kosten übernehmen können. Darüberhinaus hat schon im letzten Jahr eine Spenderin aus Süddeutschland eine Patenschaft für Mihaita übernommen, aus weiteren Einzelspenden zahlen wir die gesamten Fahrtkosten für Madelina. Die Familien dieser Jugendlichen sind so arm, daß für Schulbesuch und Ausbildung kein Geld übrig ist.

Enten

Wer die Nacktschnecken vor einigen Jahren in Viscri eingeschleppt hat, wissen wir nicht. Jedenfalls finden die Viecher, die hier eigentlich nicht heimisch sind, ein ideales Klima vor. Die Schnecken  haben sich so verbreitet, daß sie in feuchten Jahren selbst die Zwiebeln und Kartoffelpflanzen in und über der Erde anfallen.Wir haben jetzt einen Geflügelzüchter in Rumänien gefunden, der die schneckenfressenden indischen Laufenten verkauft, so dass wir den Kampf gegen die Schnecken dank der Spende der Waldorfschule aus Hannover, endlich beginnen konnten. Die Enten sind hier zwar doppelt so teuer (25 € das Tier) wie in Deutschland, aber da wir das Transportproblem nicht lösen konnten, haben wir zugegriffen und zunächst einmal 15 Enten gekauft. Die Hoffnung auf Nachwuchs hat sich leider noch nicht erfüllt, da die Tiere zu jung waren. Wir wollen im Frühjahr weitere Enten bestellen und können dann hoffentlich mit deren flächendeckendem Einsatz  beginnen. Das ist dringend notwendig, da das letzte Jahr wieder sehr feucht war und die Schnecken daher Gelegenheit hatten, sich zahlreich zu vermehren.

 

Mitgliederversammlung

Bisher haben wir die jährlich vorgeschriebene MV mit einem Nikolausabend verbunden. Finanziert hatten wir das kleine Fest immer mit Geld aus dem Verkauf von gespendeten Kleidern. Da wir den second hand Verkauf  wie im Jahresrückblick 13 berichtet wegen des schlechten Benehmens einiger Frauen aufgeben mußten, fehlten auch die Mittel für den Weihnachtsmann. Folglich zieht er in diesem Jahr an Viscris Frauen vorbei. Die Mitgliederversammlung soll Anfang März stattfinden Wir werden berichten.

 

Spenden

Da uns die Kontoauszüge von INSOPRO und Gemeinsam mit Viscri noch nicht vorliegen, können wir die Spendensume im Moment nur grob schätzen, gehen aber davon aus, daß es in etwa der gleiche Betrag ist, wie im letzen Jahr, nämlich ca. 14.000 €. Die Ausgaben für die einzelnen Bereiche sind in etwa die gleichen geblieben.

Da wir noch ein Guthaben aus dem Vorjahr hatten, können wir im Frühjahr das Dach der Alten Spinnerei erneuern.

Vielen Dank an alle unserer „Dauerspender“, die uns seit Jahren regelmäßig mit erheblichen Summen  unterstützen.

Vielen Dank an alle Einzelspender für ihre Hilfe.

Wir freuen uns über jede Zuwendung, weil wir sie als Anerkennung unserer Arbeit verstehen.

Dank auch an unsere Partnervereine: INSOPRO, Actiecomite Roemenie Glabbeek/ Belgien und "Gemeinsam mit Viscri“.

 

Im vergangenen November hat Mama Lizi ihren 90. Geburtstag gefeiert. Viele kennen sie von unseren Socken- und Schuhetiketten. Sie ist von Anfang an dabei und strickt heute noch die Pulswärmer und die „normalen" dicken Socken. Beim Abnehmen an der Spitze muß ihre Tochter Viorica helfen. Das sieht sie nicht mehr so genau. Hier gratulieren ihre Urenkelinnen und eine Abordnung von „Viscri incepe“ mit einer Geburtstagstorte.

 

 

Annette

für den Vorstand von Viscri incepe

Dezember 14